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Aktuelle Ausgabe

Band 23 - 2018 

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Dieter Sturma und Bert Heinrichs 

Editorial 

Ethische Fragen im Kontext der Transplantationsmedizin beschäftigen den bioethischen Diskurs seit seinen Anfängen in den 1960er Jahren. Bereits die Bemühungen des Ad Hoc Committee of the Harvard Medical School to Examine the Definition of Brain Death um eine Klärung des Begriffs „irreversibles Koma” aus dem Jahr 1968 sind u. a. unter dem Eindruck der neuen Möglichkeiten der Transplantationsmedizin erfolgt. Seither hat sich die Transplantationsmedizin erheblich weiterentwickelt und ist zu einem etablierten therapeutischen Verfahren gereift. Auch die ethische Diskussion zur Transplantationsmedizin hat sich weiter entfaltet. Mittlerweile stehen Fragen zur Steigerung des Spendeaufkommens, insbesondere zur Ausgestaltung des Einwilligungsmodells, sowie zur gerechten Verteilung im Zentrum der Aufmerksamkeit. Der von Annette Dufner verantwortete Themenschwerpunkt „Transplantationsethik“ des vorliegenden Bandes versammelt Beiträge, die den aktuellen Diskussionsstand dazu aufzeigen. Die Betreuerin des Schwerpunkts hat überdies einen hilfreichen Überblick sowie eine genauere Einordnung der einzelnen Beiträge vorangestellt. 

Die freien Beiträge widmen sich sowohl grundlegenden ethischen Fragestellungen als auch konkreten moralischen Anwendungsproblemen. In den ersten Bereich fällt der Beitrag von Roland Kipke und Markus Rüther. Die Autoren fragen, welchen Beitrag die Moral für das sinnvolle Leben leistet. Diese Fragestellung ist Teil einer umfassenderen neueren Debatte zum sinnvollen Leben („meaning in life“), die seit einigen Jahren intensiv geführt wird. Auch der Beitrag von Thomas Pölzler behandelt eine grundlegende meta-ethische Problemstellung. Gegen neuere Ansätze des moralischen Realismus haben Autorinnen und Autoren wie Richard Joyce, Guy Kahane und Sharon Street sog. „evolutionary debunking arguments“ vorgebracht, die die Form einer reductio ad absurdum haben. Pölzler setzt sich kritisch mit diesen Argumenten auseinander und zeigt, dass in ihnen philosophische und naturwissenschaftliche Annahmen eng verflochten sind. Er folgert, dass ihre Reichweite nur in einem interdisziplinären Zugriff abgeschätzt werden kann. Einem konkreten moralischen Anwendungsproblem hingegen nimmt sich Christian Streffer in seinem Beitrag zur Festsetzung von Grenzwerten bei ionisierenden Strahlen an. Nach einer profunden Darstellung des naturwissenschaftlichen Sachstands arbeitet Streffer heraus, dass bei Grenzwertfestsetzungen unterschiedliche ethische Prinzipien berücksichtigt werden müssen. Konrad Hilpert gewährt schließlich einen Einblick in die Arbeit der Zentralen Ethik-Kommission für Stammzellenforschung, deren Mitglied er für 15 Jahre gewesen ist. Seine Bilanz, der er den Titel „Von besorgter Aufgeregtheit zu einer Art von Normalität“ gegeben hat, lässt wichtige Etappen des ethischen Diskurses um die Stammzellforschung in Deutschland Revue passieren und leistet damit auch einen Beitrag zur Selbstvergewisserung der Bioethik insgesamt. 

Der Dokumentationsteil beginnt mit der Stellungnahme „Biodiversity and Health: A New Relationship Between Humanity and the Living World?“ des Comité Consultatif National d’Éthique pour les Sciences de la Vie et de la Santé (CCNE). Der französische Ethikrat macht darin auf die globale Verknüpfung von umweltethischen mit medizinethischen Szenarien aufmerksam und benennt Biodiversität als einen entscheidenden Faktor für die menschliche Gesundheit. Dem Schnittpunkt von Natur, Kultur und Forschung ist der Bericht zum „Agreement on Access and Benefit-sharing for Academic Research“ der Swiss Academies of Arts and Sciences zuzuordnen, der einen Werkzeugkasten für die Ausgestaltung gegenseitig einvernehmlicher Bestimmungen im Forschungskontext mit Blick auf den Zugang zu genetischen Ressourcen, assoziiertem traditionellem Wissen und dem Ausgleich des Vorteils, der aus ihrem Nutzen entstandenen ist, enthält. Im Zuge der fortschreitenden Globalisierung wachsen Angebot und Nachfrage grenzüberschreitender medizinischer Leistungen. Damit einhergehende ethische und rechtliche Aspekte von in Deutschland verbotenen, im Ausland jedoch erlaubten Behandlungen, thematisiert die Stellungnahme der Zentralen Ethikkommission der Bundesärztekammer zum „Umgang mit medizinischen Angeboten im Ausland. Ethische und rechtliche Fragen des ,Medizintourismus‘“. Die Stellungnahme „Social Egg Freezing – eine ethische Reflexion“ der Nationalen Ethikkommission im Bereich der Humanmedizin (NEK) beleuchtet Zusammenhänge, die zwischen der zunehmenden Nutzung reproduktionsmedizinischer Techniken – hier der Kryokonservierung – und verschiedenen gesellschaftlichen Entwicklungen bestehen, um sie individual- und gesellschaftsethisch einzuordnen. Der Deutsche Ethikrat hat eine ad-hoc Empfehlung zum Thema „Keimbahneingriffe am menschlichen Embryo“ veröffentlicht, die sich mit sensiblen Anwendungsfällen des genome editings beschäftigt. Das Diskussionspapier der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina zum Thema „Zukunftsfragen für die Forschung in der Kinder- und Jugendmedizin in Deutschland“ fasst die Besonderheiten, Erfolge und Zukunftshemen der Forschung in der Kinder- und Jugendmedizin zusammen und weist außerdem auf die besondere Relevanz dieses Forschungsbereichs für translationale Medizin und klinische Innovationen hin. Die Presidential Commission for the Study of Bioethical Issues untersucht in ihrem Bericht „Bioethics for Every Generation. Deliberation and Education in Health, Science, and Technology“ die gesamtgesellschaftliche Bedeutsamkeit der ethischen Urteilsbildung. Empfehlungen zur Verbesserung und Vertiefung ethischer Urteilsbildung in allen Erziehungskontexten werden mit dem Ziel skizziert, die Bereitschaft und Fähigkeit aller Bürgerinnen und Bürger zu stärken, sich in Deliberationsprozesse zu bioethischen Problemstellungen einzubringen. Vor dem Hintergrund zunehmender Asylanträge durch unbegleitete Minderjährige setzt sich eine weitere Stellungnahme der Zentralen Ethikkommission der Bundesärztekammer mit ethischen und rechtlichen Aspekten der Praxis auf dem Gebiet „Medizinische Altersschätzung bei unbegleiteten jungen Flüchtlingen“ auseinander und plädiert für die Wahrung hoher ethischer Standards.  

Wie stets danken die Herausgeber den Institutionen und Gremien für die großzügige Erlaubnis, die von ihnen verfassten Texte im Jahrbuch abzudrucken. Ferner danken die Herausgeber den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des IWE für die Recherche von einschlägigen Dokumenten. Schließlich gebührt den Mitgliedern des Wissenschaftlichen Beirats Dank für die sorgfältige Begutachtung der eingereichten Beiträge. 

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